26.09.2026 · 4 MIN

Features, für die ich früher Wochen gebraucht habe, baut ein Agent heute in der Zeit, in der ich mir einen Kaffee mache. Und was macht meine Branche draus? Weltuntergangsstimmung. Ich finde, wir sollten lieber anfangen, richtig große Dinger zu bauen.

Ich komme aus der Pre-AI-Era

Bevor das hier nach LinkedIn-Hype klingt: Ich weiß, wie es vorher war. Mit 16 habe ich die ersten Websites gebaut, danach mit No-Code-Tools weitergemacht, und mit 18 haben wir Relationflow gegründet. Unser erstes Produkt war ein CRM, komplett mit einem No-Code-Tool gebaut. Bis es fertig war, hat es 15 Monate gedauert.

Und das war keine Raketenwissenschaft. Ein ordentliches Rechtesystem war ein Projekt für Wochen. Ein Export, der nicht an Umlauten scheitert, hat Tage gefressen. Jede Kleinigkeit hat sich angefühlt wie ein Marathon mit Rucksack.

Die zweite Version von dem CRM habe ich später allein gebaut, mit KI. Sieben Wochen.Fairerweise: Bei der zweiten Version wusste ich schon, was ich baue. Das macht einiges aus. Aber nicht Faktor neun.

Dasselbe Produkt, zweimal gebaut. Einmal mit No-Code, einmal allein mit KI.

Früher brauchtest du zwanzig Leute

Wenn du vor ein paar Jahren etwas wirklich Neues bauen wolltest, eine Plattform, die eine ganze Sparte umkrempelt, dann brauchtest du ein Team aus zwanzig Leuten. Frontend, Backend, Mobile, Infrastruktur, Design, Tests, Produkt. Dazu das Geld, die alle eine Weile zu bezahlen, also schnell ein paar Millionen. Für die meisten war die Idee damit erledigt, bevor sie angefangen hat.

Heute schafft das ein kleines Team aus ein, zwei Leuten in ein paar Monaten. Das ist kein Gedankenexperiment, ich arbeite jeden Tag so.

Was früher zwanzig Leute waren, sind heute ein, zwei Leute mit Agenten. Schematisch.
Wenn die Umsetzung nicht mehr der Engpass ist, ist es die Idee.

Und dann bauen alle To-do-Apps

Eigentlich zwingt uns das dazu, viel größer zu denken. Und was sehe ich jeden Tag? Leute, die mit den stärksten Werkzeugen, die es je gab, die hundertste To-do-App bauen. Oder den nächsten Chat-Wrapper um ein Sprachmodell. Kann man machen. Ist aber ein bisschen so, als würdest du einen Kran mieten, um einen Blumentopf aufs Fensterbrett zu stellen.

Dabei sind die Projekte, die sich früher keiner leisten konnte, auf einmal realistisch. Software für Branchen, die seit zwanzig Jahren mit Excel und Faxgerät arbeiten. Werkzeuge, die bisher nur Konzerne hatten, für den Betrieb mit dreißig Leuten. Ganze Plattformen statt einzelner Features. Da liegt so viel rum, das einfach noch keiner gebaut hat.

Warum habt ihr eigentlich alle Angst?

Was mich ehrlich gesagt nervt, ist die Stimmung in meiner eigenen Branche. Auf Reddit, auf X, in jeder Dev-Community dasselbe: jeden Tag ein neuer Thread, ob Programmieren jetzt tot ist. Ob man seinen Kindern noch raten soll, Informatik zu studieren. Ob in zwei Jahren überhaupt noch jemand Entwickler braucht.

Ich verstehe die Sorge, wirklich. Aber zum ersten Mal überhaupt können wir Projekte umsetzen, über die wir vorher nur reden konnten. Das ist doch eine klasse Sache. Und wer glaubt, dass dafür keine Entwickler mehr gebraucht werden, hat noch nie ein Projekt über drei Monate gesteuert.

Die Agenten tippen, du steerst

Ein großes Projekt dauert auch mit Agenten Wochen oder Monate. In dieser Zeit fallen hunderte Entscheidungen. Wie sieht das Datenmodell aus? Wo hört ein Dienst auf und fängt der nächste an? Was passiert, wenn zwei Leute gleichzeitig speichern? Was bauen wir bewusst nicht? Ein Agent liefert dir zu jeder dieser Fragen sofort eine Antwort. Ob es die richtige war, merkst du oft erst Wochen später, wenn schon alles darauf aufbaut.

Genau deshalb braucht es weiterhin Leute, die sich mit der Architektur darunter auskennen und so ein Projekt in die richtige Richtung steeren. Und auch wenn die Modelle jedes Jahr besser werden: Developer TasteIch habe kein gutes deutsches Wort dafür gefunden. Geschmack klingt nach Tapete. macht einen Unterschied wie Tag und Nacht. Gib zwei Leuten dieselben Agenten, und du bekommst zwei völlig verschiedene Produkte. Das eine läuft. Das andere will man auch in zwei Jahren noch anfassen.

Dieselben Agenten, zweimal. Der Unterschied sind die Entscheidungen unterwegs.

Also: Bau was Großes

Wenn du Entwickler bist: weniger Angst, mehr Ideen. Dein Job wird gerade größer. Du bist jetzt die Person, die ein ganzes Team ersetzen kann, solange du weißt, wohin es gehen soll.

Und wenn du eine Idee in der Schublade hast, die du dir nie zugetraut hast, weil sie zwanzig Leute und ein paar Millionen gebraucht hätte: Rechne nochmal neu. Gut möglich, dass sie gerade realistisch geworden ist. Und falls du jemanden suchst, der sie mit dir baut, weißt du ja, wo du mich findest.

Jan StecherAgentic Engineer · Stuttgart
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