01.10.2026 · 3 MIN

Code ist billig geworden. Eine Landingpage generierst du heute schneller, als du sie beschreiben kannst, und deshalb sieht inzwischen alles gleich aus. Wer da noch auffallen will, muss im Front-End richtig gut sein.

AI-Slop im Minutentakt

Scroll mal ein paar Tage mit offenen Augen durch Product Hunt oder X. Lila Verlauf im Hintergrund. Eine fette Headline mit irgendwas wie „Supercharge your workflow“. Darunter ein Button „Get started“, drei Feature-Kacheln mit Icons und ein Testimonial von jemandem, den es wahrscheinlich nicht gibt. Dann die nächste Seite. Und die nächste. Alle gleich.

Ich mache den Leuten, die das bauen, gar keinen Vorwurf. Es ist einfach das, was rauskommt, wenn man ein Modell um eine Landingpage bittet und das Ergebnis direkt live stellt. Code kostet fast nichts mehr, also hinterfragt ihn auch fast keiner mehr.

Im Minutentakt generiert, und alle sehen gleich aus. Auffallen tut die Seite, an der jemand weitergearbeitet hat.

Die Modelle sind gut. Trotzdem.

Fairerweise: Die Modelle sind inzwischen echt stark im Front-End. Opus 5.5Ja, das ist auch das Modell, mit dem ich diese Seite baue. und alles, was danach kam, baut dir Oberflächen, für die du vor zwei Jahren noch einen Designer gebraucht hättest. Ich arbeite jeden Tag damit und bin regelmäßig beeindruckt.

In meiner eigenen Arbeit ist nach dem ersten Wurf trotzdem fast nie Schluss. Diese Seite hier hatte über fünfzig Versionen, bevor ich zufrieden war.Nachzählbar in der Git-Historie. Die meisten Versionen wirst du nie sehen, und das ist auch gut so. Eine komplette Iteration ging nur dafür drauf, dass die esc-Taste im Button „Intro überspringen“ rechts ein bisschen mehr Luft hat. Klingt bescheuert, ich weiß. Aber man merkt so etwas, auch wenn man es nicht bewusst sieht.

Dieselbe Karte, vierzehn Versionen. Jede einzelne Änderung ist klein, zusammen sind sie der Unterschied.

Zerleg, was sich gut anfühlt

Mein ehrlicher Rat an alle, die Software bauen: Nimm dir die besten Produkte, die du kennst, und zerleg sie. Anschauen reicht nicht, du musst verstehen, warum sie funktionieren. Warum fühlt sich dieses Menü so leicht an? Warum weißt du in dieser App immer, wo du gerade bist? Wie lange dauert die Animation, wenn sich ein Panel öffnet, und warum genau so lange? Was passiert, wenn etwas lädt, wenn etwas schiefgeht, wenn eine Liste leer ist?

Gute UI merkst du meistens gar nicht. Du merkst nur, dass alles flutscht. Die Abstände stimmen, Bewegung hat einen Grund, und ein Klick fühlt sich an wie ein Klick. Das kann man lernen. Aber nur, wenn man genau hinschaut.

Derselbe Speichern-Button, zweimal. Links der erste Entwurf, rechts nach ein paar Runden mehr.

Notion hat das verstanden

Das beste Beispiel ist für mich Notion. Es gibt gefühlt zehntausend Notiz- und Produktivitäts-Apps, und die meisten können ungefähr dasselbe. Trotzdem benutzen Millionen Leute Notion, und ein großer Grund dafür ist, wie es sich anfühlt. Man merkt an jeder Ecke, dass da Leute sitzen, die in eine einzelne Interaktion mehr Stunden stecken als andere in ihr ganzes Produkt. Wie sich ein Block verschieben lässt. Wie das Menü aufgeht, wenn du einen Schrägstrich tippst. Zufall ist das nicht. Da steckt Arbeit drin, und zwar richtig viel.

Code ist billig. Geschmack nicht.

Wenn alles gleich ist, entscheidet der Geschmack

Klar, Distribution und Vertrieb sind am Ende extrem wichtig. Das beste Produkt bringt nichts, wenn es keiner findet. Aber wenn jeder in fünf Minuten eine App bauen kann, fühlt sich bald jede App gleich an. Dann entscheiden Geschmack, Verständnis und tausend kleine Abwägungen, welche Software man gerne aufmacht und welche man nur benutzt, weil man muss.

„Good enough“ ist der Fehler

Mit KI kannst du Front-Ends so schnell iterieren wie nie. Und genau da machen viele den Fehler: Sie lassen sich etwas generieren, schauen kurz drauf, denken „Alles klar, good enough“ und machen weiter. Ich finde, das ist ein riesiger Fehler. Die nächste Runde kostet dich ein paar Minuten. Wer ausgerechnet jetzt beim ersten Entwurf aufhört, verschenkt den größten Vorteil, den wir gerade haben.

Also: Generier ruhig drauflos. Aber hör nicht beim ersten Ergebnis auf. Mach Version zwei. Und drei. Und vierzehn.

Jan StecherAgentic Engineer · Stuttgart
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